Wir finden es reicht, Herr Spahn!

 

Sind Pflegedienste die Abzocker der Nation? Ganz im Gegenteil: Die „Qualitätsoffensive“ von Bundesgesundheitsminister Spahn legt der ambulanten Versorgung schwerkranker Menschen immer mehr Steine in den Weg. Hier kann die Qualität oft nur durch Eigeninitiative der Pflegedienstleister aufrechterhalten werden.

Lange haben wir überlegt, ob wir uns noch einmal zum Reha- und Intensivpflege-Stärkungsgesetz (RISG) äußern sollen – denn in puncto Selbstbestimmung und Behindertenrechtskonvention ist bereits alles gesagt, und wir haben als Pflegeteam alle Petitionen gezeichnet. Nun schreiben wir dennoch eine Stellungnahme, weil uns nach der gefühlt mindestens 100. Interviewattacke unseres Bundesgesundheitsministers der Kragen platzt!

Wir sind es leid, sehr geehrter Herr Spahn, uns täglich anzuhören, wie durchtrieben und kriminell alle Pflegedienste alle sind. Dass wir beispielsweise, wie aktuell behauptet, uns kollektiv aus Habgier nicht um die Beatmungsentwöhnung unserer Patienten kümmern.

Für uns, die wir täglich alles für unsere Patienten geben, ist das eine schallende Ohrfeige ins Gesicht. Wir werden jährlich geprüft – entsprechend der 180 Seiten langen Prüfrichtlinie für Intensivpflege. Und das mindestens 8 Stunden lang von 3-4 Prüfern.

Tatsache ist, dass für die ambulante Beatmungsentwöhnung vom Gesundheitssystem keine finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt werden und es keinerlei Unterstützung bei der Dekanülierung gibt. Wir laufen uns die Füße spitz und bei den Krankenkassen gegen Betonmauern.

Trotz dieser Erschwernisse ist die Arbeit unserer Intensiv-WG in vielen Fällen erfolgreicher, als die der im neusten Gesetzentwurf propagierten „Spezialisierten Heime“. Und das trotz der vielen Hemmnisse, die wir überwinden müssen. Hier ein paar typische Beispiele aus unserem Pflegealltag:

  • Eine Patientin wird aus der Reha als „austherapiert“ (also ohne Aussicht auf weitere Verbesserung des Gesundheitszustands) entlassen. In unserer Intensiv-WG erlangt sie innerhalb von neun Monaten Sprache und Mobilität zu großen Teilen altersgerecht zurück, und sie hat wieder gelernt zu essen. Jetzt bräuchten wir eine Rehamaßnahme, damit die Themen Mobilität und Dekanülierung vollendet werden können. Nach drei Monaten mit fortwährenden Telefonaten und Bemühungen heißt es: Von einer WG aus ist keinerlei Reha möglich, und für eine klinische Einweisung fehlt die Diagnose. Professionelle Unterstützung bei der Dekanülierung kommt an dieser Stelle zum Glück von der Hochschulambulanz der Uni Erlangen. Dafür ein herzliches Dankeschön! Nach zehn Monaten war unsere Patientin von ihrer Intensivpflicht befreit – entgegen aller Widerstände, die uns durch die Gesetzgebung und Krankenkassen in den Weg gelegt wurden.

     

  • WG-Versorgung 24-Intensivpflicht: Wir beantragen bei der Krankenkasse ein Pulsoxymeter zur Überwachung von Sauerstoffsättigung und Herzfrequenz. Von der Hilfsmittelabteilung bekommen wir eine Ablehnung mit der Begründung: „Es ist eine Intensivschwester vor Ort, da braucht es kein Monitoring mittels Pulsoxymeter.“ Ja, eine Schwester ist vor Ort und die kann bestimmt vieles, aber nicht die Sauerstoffsättigung im Blut fühlen. Sie kann es erst dann merken, wenn es bereits zu spät ist. Eine Lebensgefährdung für den Patienten wird also billigend in Kauf genommen.
  • Ambulante Beatmungsentwöhnung erfolgt gemäß der medizinischen Leitlinie S2. Diese sieht zur Überprüfung sogenannte BGAs (Blutgasanalysen) vor. Technisch kein Problem: Renommierte Hersteller wie Abbott, Siemens und Radiometer haben tolle mobile BGA-Geräte, die für die ambulante Versorgung maßgeschneidert sind. Aber da holen sie sich als Pflegedienst bei der Krankenkasse eine blutige Nase: Keine Kostenübernahme! Um eine regelgerechte Beatmungsentwöhnung durchführen zu können, springen wir als Pflegedienst ein und zahlen Geräte und Test selbst – wir reden dabei von mehreren 1000 Euro!

Und jetzt hören wir täglich in den Nachrichten, dass unsere Arbeit so desolat ist, dass die Patienten in spezialisierten Heimen besser aufgehoben wären?

Nein, Herr Spahn, sicher nicht! Ihr Ministerium hat das System genau an den Punkt geführt, an dem es heute steht. Die Qualität zu verbessern wäre in vielen Bereichen der ambulanten Versorgung super einfach. Wir haben bereits vor 10 Jahren gefordert, die wirtschaftliche Förderung pflegerischer und medizinischer Maßnahmen mehr an deren Erfolg auszurichten. Würde man nach diesem Prinzip agieren, gäbe es viele der von Ihnen beschriebenen Mängel gar nicht.

Leider muss ich gestehen, dass wir Ihnen die Qualitätsoffensive nicht glauben. Wir sind der felsenfesten Überzeugung, dass es Ihnen einzig um die Freisetzung der Fachkräfte geht (5,5 pro häuslicher Intensivversorgung) und um massive Kosteneinsparungen. Das können Sie natürlich unmöglich so begründen, denn dann sind Sie bei den nächsten Wahlen im unteren einstelligen Bereich.

Wir sind nicht nur Pflegekräfte sondern auch Wähler und glauben Sie uns, da werden wir uns bei nächster Gelegenheit dran erinnern.

Wir lieben unsere Arbeit und freuen uns mit jedem Patienten, der es aus der Intensivversorgung schafft, denn das ist – bei entsprechender Diagnose – immer unser Ziel und unsere größte Belohnung.

14 Tage nach diesem Foto in unserer Intensiv-WG wurde dieser Patient ohne weitere erforderliche Intensivversorgung nach Hause entlassen.